Blues am Abend

„Jetzt will ich meinen John Lee Hooker hören und zwar in aller Ruhe in meinem Zimmer – und damit Basta – ich nehme mir noch ein Glas Rotwein mit und dann will ich nichts mehr von dir hören! Ist das klar?“ kam es in lautem Tonfall aus der Küche. Eine Tür knallte. Sie blieb im Wohnzimmer sitzen – der Fernseher war schon ausgestellt, es war erst 18.30h. Draussen war es dunkel, der Vollmond nicht sichtbar. Sie hatte erwartet, dass er endlich mit ihr reden würde, über ihre Situation, gab es eine Trennung? Konnten sie sich wieder vertrauen? Ob sie sich wünschte, mit ihm zu schlafen, könnte sie sich fallen lassen? Sie wusste es nicht. Sie spürte, etwas in ihr war zerbrochen. Gleichzeitig wütend und leer – was für eine Mischung. Da war nichts mehr – was will er denn noch von ihr? Was war aus ihrem so lebendigen Zusammensein geworden? Das Geld – welches denn? Ihr Erbe war nahezu aufgebraucht, durch seine Spielschulden hatte sie mehr und mehr ihr eigenes Geld in Haushalt und Wohnungsmiete gesteckt – ihr Verdienst war nicht so hoch, alleine in einer kleineren Wohnung könnte sie davon leben. Aber eine Scheidung? Musste sie für ihn aufkommen, da er seit Kurzem arbeitslos war? Und er immer mit seiner Blues-Musik und dem Rock`n`Roll! Am Anfang hatte es sie interessiert, zu erfahren, wo die Ursprünge ihrer Musik aus den Charts waren. Sie hatten viel darüber gesprochen. Aber er mochte ihre Gruppen Cold Play z.B. überhaupt nicht, und diese für sie so powervolle Techno Rhythmen verabscheute er, sie konnte dabei so gut Hausarbeit machen, putzen, bügeln, Betten beziehen, das gab ihr den nötigen Drive.
Sie ging zum Arbeitszimmer, öffnete die Tür – es sass in seinem Lehnsessel, Kopfhörer auf, Augen geschlossen. „Magst du das Abendessen allein hier oder kommst ins Wohnzimmer?“ wollte sie fragen, aber die Worte blieben ihr im Halse stecken, als sie ihn so abgehoben weit weg sah. Leise die Tür geschlossen und in die Küche, sie goss sich ein Glas Rotwein ein. Gut, kein Abendessen, wenn er es so haben wollte. Sie trank den Rotwein und versuchte, die Gedanken zu ordnen. Noch ein Glas und die Flasche war leer. Sie stand auf, schlug heftig mit der Hand auf den Tisch, stand mit dem Blick aus dem Fenster in die dunkle Nacht, reckte sich ausgiebig, ging ins Schlafzimmer, liess sich aufs Bett fallen.
Still war es in der Wohnung. Sie schlief ein. Als sie erwachte, waren 3 drei Stunden vergangen, wie ihr der Blick auf die Uhr verriet. Es war immer noch still. Abrupt schnellte sie hoch – sie hatte eine Entscheidung gefällt.
Schnell packte sie einen Koffer mit allem, was sie für ein paar Tage benötigte. Leise schlich sie nochmals zu seinem Zimmer, öffnete und fragte: „Soll ich das Abendessen noch vorbereiten?“ „Kannst du mich endlich in Ruhe lassen, du Schlampe?“ brüllte es aus dem Armsessel.
Erstarren und gleichzeitig zu wissen, was sie tun musste, war eins. Sie kannte seinen Konsum an Wein. Weiteren Nachschub gab es nur in den Kellerräumen. Dorthin führte, wie es in älteren Häusern üblich ist, eine halbrunde Holztreppe mit unregelmäßigen Stufen, je mit einer Glühbirne oben und unten. Ein farbloser etwas dicker Nylonfaden war schnell gespannt und an den beiden Geländerbalken der ersten Stufen befestigt. Jetzt brauchte sie nur noch zu warten.
Es dauerte nicht lange, sie hatte sich wieder ins Schlafzimmer zurückgezogen, da hörte sie ihn aus seinem Zimmer in die Küche torkeln: „Verdammt, he, Alte, wieso ist hier kein Wein mehr? Du elende Säuferin!“
Er stolperte – sie konnte seine stakenden Schritte hören, die Kellertür quietschte und dann das Poltern. „Fuck“ erschallte es durchs Haus…… Stille….
Nachdem sie den Nylonfaden entfernt hatte, nahm sie in aller Ruhe ihren Koffer und ging aus dem Haus, in die helle Vollmondnacht, und mit einem Gefühl der Freiheit: Blues am Abend – erquickend und labend.

© Hilla Hombach, Februar 2015