Torklic Walking

Mit etwas zu viel Schwung rauschst du aus der Kneipentür nach draußen, sodass sich dein Körperschwerpunkt ungünstig verlagert und die Schwerkraft dich unwiderstehlich in die Waagerechte zieht. Zum Glück hast du die Türklinke noch nicht losgelassen und kannst die Neigung rechtzeitig stoppen, bevor du mit der Hand den Boden touchierst. Denn dann wärst du jetzt schon aus dem Spiel. Die erste Regel in deiner neuen Disziplin besagt: Nichts außer den Schuhsohlen darf den Boden berühren. So gelingt es dir gerade noch, die Tür zu schließen, an die du dich für ein paar Sekunden anlehnst, um dich für die bevorstehende Challenge zu sammeln.

Was ist schon Nordic Walking gegen Torklic Walking? Für diese neue Trendsportart brauchst du nicht einmal Stöcke, sondern lediglich eine Fahne.

Um dich für die Challenge zu qualifizieren, muss dein Alkoholpegel so hoch sein, dass sich das Teströhrchen mindestens smaragdgrün verfärbt.

Ganz automatisch nimmst du die klassische Grundhaltung des Torklic Walkers ein – die „Bordsteinschwalbe“: den Oberkörper nach vorn gebeugt und die Arme weit ausgebreitet. Auf diese Weise bist du in der Lage, jeden Gegenstand, der im Weg stehen sollte, notfalls als Halt zu benutzen. So taumelst du diagonal über den Gehsteig und wirst gerade noch von einem geparkten Auto aufgefangen. Das Fahrzeug bildet eine natürliche Leitplanke, an der du dich entlang hangeln kannst.

So bringst du mehrere parkende Autos hinter dich. Aber plötzlich fällst du ins Leere! Eine Lücke! Du strauchelst, und es zieht dich unaufhaltsam nach links. Geistesgegenwärtig – oder besser: weingeistgegenwärtig – setzt du die „Windmühle“ ein: Du lässt die Arme heftig kreisen, um durch die Fliehkraft deine Lage im Raum zu stabilisieren – Zentrifugalkraft kannst du nicht aussprechen.

Schon halb in die Knie gegangen, stößt dein rechter Arm plötzlich auf Widerstand. Du hast einen Laternenpfahl erfasst – gut daran zu erkennen, dass oben Licht brennt. Den Drehimpuls ausnutzend, flankst du elegant um den Mast herum und schraubst dich dabei ein Stück in die Höhe.

Energisch bringst du dich wieder in die Vertikale und peilst die nächste Laterne an. Nun steht noch eine besondere Herausforderung bevor: Eine breite Straße muss überquert werden. Hier wäre es fatal, mit einem Auto in Kontakt zu geraten. Mit glasigem Blick scannst du die Straße ab. Nicht, dass noch einer mit Alkohol am Steuer angerast kommt!

Keine Lichter in Sicht – zumindest keine, die sich bewegen. Zehn Meter ohne Halt und Hilfe sind zu überwinden. Stilistisch wechselst du zum „Quasimodo“: Weit vornübergebeugt schlurfst du mit baumelnden Armen voran. Fast berühren deine Hände den Boden, um die gegenüberliegende Bordsteinkante nicht zu verpassen. An diesem Hindernis ist schon so mancher Torklic Walker gescheitert.

Dein rechter Fuß stößt gegen etwas, von dem du hoffst, dass es der Bordstein ist. Mühevoll hievst du den Fuß in die Höhe, bis er sicher auf der Mauerkrone aufsetzt. Nachdem diese Klippe überwunden ist, wird der Parcours leichter. Jetzt musst du dich nur noch an einer Mauer entlang tasten, bis du zu Hause bist.

Schließlich hast du die heimische Tür erreicht. Jetzt nur noch aufschließen! Der Reihe nach probierst du alle Schlüssel durch. Wenn keiner passt, stehst du vor dem falschen Haus. Aber der letzte Schlüssel passt! In dem Moment, in dem du die Tür hinter dir schließt, ist die Challenge beendet.

Noch euphorisch über die bewältigte Aufgabe machst du einen großen Schritt nach vorn. Und schon setzt sich die Fußmatte eigenmächtig in Bewegung und nimmt deinen rechten Fuß mit. Der Rest von dir kommt nicht schnell genug nach, und nach einem gepflegten Salto landest du unsanft auf der Hüfte. Auch Schulter und Ellenbogen tun höllisch weh. Aber das zählt jetzt nicht mehr. „Champ-p-pignon!“, rufst du dir triumphierend selber zu und robbst über den Fußboden zur Toilettentür. Verdammt! Warum muss die Klinke wieder so weit oben sein?

Jörg Wartschinski