Szene in der Kirche (Romanauszug)

Warum musste es in einer alten Kirche immer so dunkel sein wie unter einem Priestertalar? In Notre Dame war es dunkel gewesen wie in einem Loch. Immerhin waren die prächtigen Glasfenster und ihr Prunkstück, die große Rosette, dadurch erst richtig zur Geltung gekommen. Alles andere hingegen, was in einer katholischen Kirche reichlich zu finden war – Heiligenbilder, Mons­tranzen, Votivtafeln, Stifterfiguren, gemalte oder geschnitzte Szenen aus der Bibel für die Masse des Kirchenvolks, das nicht lesen konnte – das alles hatte sich in dem spirituellen Dämmerlicht dem Blick größtenteils entzogen. Wie angenehm hell war es dagegen in Sacré Cœur gewesen, das freilich acht Jahrhunderte jünger war. Je älter ein Gotteshaus war, desto düsterer war es in seinem Innern, als wollte es auf das finstere Mittelalter hinweisen, dem es entstammte.
Düsterer – und katholischer. Auch in dieser Hinsicht gab die Dunkelheit einer Religion Ausdruck, die sich traditionell der Aufklärung verweigerte. Das Innere einer protestantischen Kirche war demgegenüber auffallend hell, aber dafür gab es kaum etwas zu sehen. Das reichlich einfallende Licht traf auf weiß gestrichene Wände, deren Einförmigkeit durch nichts unterbrochen wurde. Hier gab es keine Bilder, spartanische Kargheit herrschte vor, aber nicht, weil die protestantischen Gläubigen mehr Fantasie als ihre katholischen Brüder und Schwestern gehabt hätten, sondern weil sich der Protestantismus erst nach der Erfindung des Buchdrucks entwickelt hatte.
Bareiß ging an den ersten Bankreihen vorbei, die zwar in freundlich heller Farbe erstrahlten, aber völlig leer waren. Bis auf ihn war das Kirchenschiff leer. Allein in einem so großen Raum – da konnte schon Beklommenheit aufkommen. Seine Hand krampfte sich um den Schultergurt seiner Tasche, als er weiterging. Bisher hatte er nichts entdeckt, das nach einem Archiv oder auch nur nach einem Hinweis darauf ausgesehen hätte.
Jetzt hatte er den Altar erreicht, hinter dem ein zirka drei Meter hohes Kreuz in die Höhe ragte. Überraschenderweise kein nacktes protestantisches Kreuz, sondern ein katholisches, also eines mit angehängter Jesusfigur, wie es sich gehörte blutig und ausgemergelt wie Lazarus, das personifizierte Leiden Christi. Unwillkürlich fragte sich Bareiß, wie wohl befestigt sein mochte. Angenagelt? Das hätte zumindest gepasst und auf treffende Weise Sinn gemacht. Aber die Nägel waren ebenfalls aus Holz. Also war es wohl doch nur geleimt.
Bareiß schaute empor in das mit kunstfertigen Schnitten traktierte Gesicht, in dem das Leiden dauerhaft erstarrt war.
„Hallo, alter Freund!“
So laut wurde seine Stimme vom Echo in dem weiten Chor zurückgeworfen, dass er fast erschrak.
„Weißt du, dass ich als Kind Angst vor dir hatte, als ich noch nicht wusste, wer du bist? Nägel durch Hände und Füße, eine Dornenkrone auf dem Kopf und eine Stichwunde in der Seite … wie in einem Splatter Movie. Und so etwas hängt in jedem Klassenzimmer! Und was sehe ich? Du hast die Augen geschlossen. Vielleicht, um dir deinen eigenen Anblick zu ersparen? Oder um nicht sehen zu müssen, wie leer es in deiner Kirche ist? Hoffentlich ist das sonntags nicht auch so! Aber du bist nicht Justitia. Du solltest die Augen offen haben. Wenn du schon nicht hinsiehst, wer sollte es dann tun?“
Nachdem er nicht mit einer Antwort rechnete, ließ Bareiß das Kruzifix hinter sich und ging weiter. Nach einigen Schritten stand er vor einer Reihe von Säulen, auf denen die Orgelempore ruhte. Von der Seite her führte an der Kirchenwand entlang eine Holztreppe hinauf, die von einem gut eineinhalb Meter hohen blickdichten Holzgeländer begrenzt wurde. Die Farbe des Geländers, der Treppe wie auch der Empore zeigte, dass sie aus demselben Holz wie die Bänke gefertigt waren.
Und die Tür augenscheinlich auch. Tatsächlich: Wenige Meter vor dem Treppenansatz befand sich eine Tür. Endlich! Das hatte Bareiß fast schon nicht mehr zu hoffen gewagt. Hinter dieser Tür würde er, wenn vielleicht nicht das Archiv, dann womöglich doch jemanden finden, der ihm sagen konnte, wo es sich befand. Als er davor stand, sah er, wie schon gewohnt, nichts: weder ein Schild, noch eine Aufschrift, die verriet, was für ein Raum sich dahinter verbarg. Nachdem auch kein Klingelknopf vorhanden war, klopfte Bareiß an und hoffte, dass es ein Büro sein würde und nicht der private Umkleideraum des Pfarrers. Es wäre ihm schon unangenehm gewesen, wenn er den gottesfürchtigen Mann in Unterhosen angetroffen hätte.
Einige Sekunden vergingen – aber hinter der Tür blieb alles stumm. Kein „Herein“, kein „Ja, bitte“ – kein gar nichts. War die Tür so dick, dass sie keine Stimme durchließ? Bareiß klopfte noch einmal und wartete ein paar Sekunden. Auch diesmal blieb eine Antwort aus. Wie hieß es doch so schön? „Klopfet an, und es wird euch aufgetan“. Allerdings stand nirgendwo geschrieben, wie oft man klopfen musste. Schließlich pochte Bareiß ein drittes Mal an die Tür, und diesmal noch etwas lauter als vorher. Aber immer noch kam keine Antwort. Entweder war niemand da, oder der Betreffende war taubstumm, was ja wiederum zu den geschlossenen Augen des Gekreuzigten gepasst hätte. Wie auch immer, Bareiß würde es gleich wissen. Mit einem entschlossenen Griff öffnete er die Tür und steckte den Kopf durch den Spalt.
Zum Glück erblickte er keinen Pfarrer beim Kleiderwechsel, und der Raum war auch keine Abstellkammer, sondern tatsächlich ein Büro. An einem Schreibtisch saß eine grauhaarige Dame hinter einem Computerbildschirm, dem sie sich gerade angelegentlich widmete. Nichts dagegen, wenn man Senioren beschäftigte, aber mussten es ausgerechnet Hörgeschädigte sein?
Beherzt schob Bareiß die Tür weiter auf und setzte einen Fuß in das Zimmer. Jetzt blickte die Dame von ihrem Bildschirm auf. Diesen Augenblick der Aufmerksamkeit musste Bareiß nutzen – wer wusste schon, wie lange er anhalten würde?
„Guten Morgen. Entschuldigen Sie bitte, aber ich hatte den Eindruck, als hätte jemand ‚herein‘ gerufen.“
„Also, ich war‘s nicht.“
Mit diesen Worten erhob sich die Dame von ihrem Platz und schaute Bareiß aufmerksam an. Schnell machte er einen weiteren Schritt in den Raum, so dass er nun die Tür im Rücken hatte. Hinauskomplimentieren lassen wollte er sich nicht.
„Entschuldigen Sie“, sagte er noch einmal. „Aber nun bin ich schon einmal hier, und ich habe nur eine kurze Frage. Ich suche das Register der Geburten und Sterbefälle.“
Nun, da die Dame vor ihm stand, musste er seinen ersten Eindruck ein wenig revidieren. Zwar mochte sie etwas über sechzig Jahre alt sein, aber darüber hinaus entsprach sie nur wenig dem Klischee einer ältlichen Gemeindeschwester. Sie war in ein elegantes dunkelblaues Kostüm gekleidet, und die grauen Haare waren sorgfältig frisiert. Er konnte nur vermuten, welchen Eindruck er mit seinem späten Studentenlook auf sie machte.
„Sie meinen das Standesregister?“, fragte sie. „Das ist im Rathaus in Neu-Golsenow.“
Gut, dass Bareiß die Türklinke noch in der Hand hielt, so konnte er sich wenigstens erst einmal festhalten.
„Aber da komme ich gerade her. Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, Frau … Wie war noch mal Ihr Name?“
„Chmielorz.“
Er versuchte gar nicht erst, das nachzusprechen.
„Sehr erfreut.“ Er behielt die Türklinke sicherheitshalber noch in der Hand.
„Im Rathaus hat man mir gesagt, die Akten, die ich suche, seien hier.“
Frau Chmielorz dachte einen Augenblick nach.
„Dann suchen Sie wahrscheinlich ältere Akten, Herr … Wie war bitte schön Ihr Name?“
„Bareiß. Entschuldigen Sie bitte. Aber genau so ist es. Ältere Akten.“
Frau Chmielorz deutete auf Ihren Bildschirm.
„Die sind alle digitalisiert. Aber um sie einzusehen, brauchen Sie eine Zugangsberechtigung. Und die bekommen Sie im Rathaus…“
„In Neu-Golsenow“, ergänzte Bareiß. „Ich verstehe. Aber warum man für so alte Akten eine Zugangsberechtigung braucht, verstehe ich schon weniger.“
„Datenschutz“, meinte Frau Chmielorz nur.
Bareiß überlegte noch, ob er die Türklinke loslassen sollte.
„Wenn ich ein Großkonzern wäre“, sagte er, „bekäme ich alle Daten auf dem Silbertablett serviert, selbst solche, die ich gar nicht brauche.“
„Wenn Sie ein Großkonzern sind“, meinte Frau Chmielorz, „können Sie gern wiederkommen.“
„So lange möchte ich eigentlich nicht warten. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Leute, die seit mehr als hundert Jahren tot sind, noch in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt werden können.“
Frau Chmielorz‘ Blick schweifte einen Augenblick ab und wanderte kurz durch den Raum. Dann fing er Bareiß wieder ein.
„Ach, so; Sie suchen die alten Kirchenbücher?“
„Ja. Vom Oktober 1913, um genau zu sein.“
„Ah, das Kindergrab.“ Frau Chmielorz nickte versonnen. „Danach haben schon viele gefragt, und noch niemand hat etwas herausgefunden. Diese alten Unterlagen sind natürlich nicht digitalisiert.“
„Und wo finde ich diese Unterlagen,“ fragte Bareiß. „Wenn Sie jetzt sagen: ‚in Neu-Golsenow‘, breche ich zusammen und Sie müssen den Notarzt rufen.“
Frau Chmielorz lächelte, und Bareiß erschien es nun sicher, die Klinke loszulassen.
„Das bleibt uns zum Glück erspart“, meinte Frau Chmielorz. „Kommen Sie mit!“
Sie ging an ihm vorbei durch die Tür und auf die Treppe zu, die auf die Orgelempore führte. Als er ihr die knarrenden Stufen nach oben folgte, kamen ihm unwillkürlich die letzten Zeilen des Liedes aus Zeffirellis Verfilmung von „Romeo und Julia“ in den Sinn. Er spitzte die Lippen und pfiff sie leise vor sich hin: „A rose will bloom, it then will fade. So does a youth, so does the fairest maid.“

© Jörg Wartschinski